Co-Intelligenz – Leben und Arbeiten mit Künstlicher Intelligenz

In Zeiten, in denen Künstliche Intelligenz (KI) in nahezu allen Lebensbereichen Einzug hält und gesellschaftliche wie wirtschaftliche Diskussionen prägt, liefert Ethan Mollick mit Co-Intelligenz ein bemerkenswert praxisnahes Werk, das die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine in den Mittelpunkt stellt.

Der Autor, Professor an der Wharton School, die zur Wharton University of Pennsylvania gehört, gilt als einer der führenden Forscher zu Innovation, Unternehmertum und dem produktiven Einsatz generativer KI. Mit seinem Buch möchte er Orientierung geben, wie wir KI sinnvoll nutzen können, ohne unsere eigene Denk- und Handlungskompetenz zu verlernen.

Mollick geht es nicht um eine theoretische Abhandlung über KI-Systeme, sondern um eine Anleitung zur bewussten und verantwortungsvollen Nutzung. Er prägt den Begriff der „Ko-Intelligenz“ und beschreibt damit das Zusammenspiel von menschlicher Kreativität, kritischem Denken und maschineller Effizienz. KI soll den Menschen nicht ersetzen, sondern ergänzen und entlasten – insbesondere bei repetitiven, gefährlichen oder monotonen Tätigkeiten. Gleichwohl warnt Mollick vor einer naiven Technikeuphorie: Die eigentliche Herausforderung liege darin, den richtigen Einsatz zu finden und dabei die menschliche Urteilskraft nicht zu verlieren, schreibt er.

Besonders eindrücklich arbeitet Mollick heraus, wie KI das Lernen, Lehren und Arbeiten seiner Einschätzung nach verändern wird. Der Vergleich mit dem Taschenrechner zieht sich leitmotivisch durch das Buch: So wie der Taschenrechner das Rechnen nicht ersetzt, sondern ergänzt, müsse auch KI als Werkzeug verstanden werden, das Denken, Schreiben und Forschen erleichtert, aber nicht übernehmen darf. Nur wer selbst denkt, kann KI produktiv nutzen. Das gilt nach Mollick gleichermaßen für Lehrkräfte, Studierende und Wissensarbeiter. Die heute entstehende Disziplin des Prompt Engineering beschreibt er als zukünftige Fachkompetenz, die erlernt, geübt und kritisch reflektiert werden muss.

Mollicks Stil ist flüssig, pointiert und mit zahlreichen Beispielen aus Forschung, Wirtschaft und Bildung gespickt. So zitiert er Studien, die belegen, dass Schüler, die KI-Tools unreflektiert nutzen, schlechtere Lernergebnisse erzielen, als jene ohne kritische Bewertungskompetenz. Eine geziehlte, didaktische eingebettete Verwendung von KI bringt signifikante Verbesserungen. Auch im kreativen Bereich zeigt der Autor, dass KI eine mächtige Partnerin sein kann – sofern der Mensch den ersten Schritt macht. Er empfiehlt, eigene Ideen stets vor der Nutzung von KI zu entwickeln, um die „Verankerungseffekte“ maschineller Vorschläge zu vermeiden. Kreativität entstehe erst im bewussten Wechselspiel zwischen menschlicher Originalität und algorithmischer Vielfalt.

Ein weiteres Kernthema des Buches ist der Wandel der Arbeitswelt. Mollick prognostiziert, dass KI die Produktivität enorm steigern, aber zugleich zu einem strukturellen Umbau von Beschäftigung führen wird. Tätigkeiten, die vorhersehbar und planbar sind, werden ihm zufolge zunehmend von Agenten und Robotern übernommen. Gleichwohl betont der Autor, dass nicht ganze Berufe verschwinden, sondern sich deren Profile und Kompetenzanforderungen grundlegend verändern. Fachwissen und die Fähigkeit, KI kritisch einzusetzen, werden entscheidende Erfolgsfaktoren der Zukunft sein, ist Mollik überzeugt.

Kritisch setzt sich Mollick mit den gesellschaftlichen Risiken der KI auseinander: Desinformation, ethische Fehlentscheidungen, Bildungsungleichheit oder die Gefahr einer zu weitreichenden Automatisierung könnten zunehmen. Statt jedoch Untergangsszenarien zu zeichnen, appelliert er an Verantwortungsbewusstsein, Bildung und Transparenz. Er fordert Regierungen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen auf, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Nutzen der KI fördern, ohne menschliche Autonomie zu gefährden.

Das Buch ist keine theoretische Abhandlung im klassischen Sinne, sondern ein kluger, praxisorientierter Leitfaden für den souveränen Umgang mit KI. Mollick gelingt es, technologische Komplexität in alltagstaugliche Erkenntnisse zu übersetzen, die Fach- wie Führungskräfte unmittelbar anwenden können.

Trotz einiger Redundanzen und gelegentlich überhasteter Passagen – die Erstauflage scheint unter hohem Zeitdruck entstanden – überzeugt das Werk durch seine klare Struktur, seinen Optimismus und die Fülle an reflektierten Beobachtungen. Co-Intelligenz ist eine Pflichtlektüre für alle, die Digitalisierung gestalten, ob in Wirtschaft, Verwaltung oder Bildung.

Für Datenschutzbeauftragte bietet der Band verständliche Leitplanken, wie KI-Tools veranwortungsvoll genutzt werden können. Es bietet darüber hinaus eine Orientierungshilfe für die fachliche Abwägung zwischen KI-Risiken und Nutzen und hilft, Prompt Engineering als berufliche Kompetenz aus- oder aufzubauen.

Insgesamt sensibilisiert Mollick für die Chancen und Risiken einer Technologie, die unser Denken, Arbeiten und Zusammenleben tiefgreifend verändert.

Ethan Mollick
CO-INTELLIGENZ – LEBEN UND ARBEITEN MIT KÜNSTLICHER INTELLIGENZ

Münchner Verlagsgruppe
Redline Verlag
1. Auflage 2025
240 Seiten
ISBN 978-3-86881-992-2
25,00 Euro

Rezension von

Dr. Christoph Bausewein


RA Dr. Christoph Bausewein CIPT ist Vorstand des BvD und leitet dort den Ausschuss zu KI. Daneben ist er als zugelassener Rechtsanwalt (Syndikusrechtsanwalt) Assistant General Counsel, Data Protection & Policy beim US-Cybersicherheitsunternehmen CrowdStrike. Seit 2022 gehört er dem Expertenrat für neue Technologien des Europäischen Datenschutzausschusses (EDSA) an. Beim Bundesverband IT-Sicherheit e.V. (TeleTrusT) gestaltet er als Co-Autor die Handreichung zum Stand der Technik des Teletrust und der European Union Agency for Cybersecurity (ENISA) und gehört dem Privacy Engineering Advisory Board der International Association of Privacy Professionals (IAPP) an.

BvD Board Member, Assistant General Counsel, Data Protection Camp; Policy at the US cyber security company CrowdStrike, member of the Expert Council of the European Data Protection Board (EDPB) for new technologies

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