Datenschutz für die Mitte der Gesellschaft
Verein Digitalcourage ergänzt seine Minibuch-Reihe „kurz & mündig“ um ein Bändchen zum Digitalzwang
ahntickets, Arzttermine oder Speisekarten im Restaurant, digitale Patientenakte, Fahrplanauskunft oder Parktickets: Die Welt ist digital und nach Auffassung des Vereins Digitalcourage mittlerweile zu digital. Denn viele Anwendungen funktionieren nur noch per Smartphone, Pad oder am Rechner. Deshalb hat Digitalcourage sein 31. Minibuch aus der Reihe „kurz und mündig“ dem Digitalzwang gewidmet.
Dieser liegt vor, wenn grundlegende Funktionen nur noch digital laufen, für bestimmte Zielgruppen – beispielsweise Ältere oder Menschen mit geringem Einkommen – die Teilhabe am öffentlichen Leben eingeschränkt wird, es keine analogen Alternativen gibt oder diese mit höheren Kosten und größerem Aufwand verbunden sind. Trotz des komplexen Themas will der Band zeigen, was die Leserinnen und Leser konkret tun können, um eine Lösung zu finden.
Praktische Anleitung statt Erklärungen
Diesen Ansatz verfolgt die ganze Reihe, die mittlerweile aus 31 Minibüchern besteht. „Wir wollen zeigen, dass die Datenschutz- und Digitalisierungsthemen mitunter gar nicht so groß und schwer sein müssen, wie es scheint“, sagt Digitalcourage-Mitbegründer padeluun im Gespräch mit den BvD-News. Aus diesem Gedanken heraus sei die Reihe mit den Minibüchern entstanden, bunt bebildert, mit konzentrierten Infos, kurzen Kapiteln und Checklisten. „Wir wollten die Themen nicht bis ins letzte Detail erläutern, sondern praktische Anleitungen geben, wie jede und jeder selbst etwas für den eigenen Datenschutz tun kann“, sagt padeluun.
Das erste Minibuch aus der Reihe – das Heftchen „Digitale Mündigkeit“ – war ursprünglich als Visitenkarte des Vereins gedacht, der aus dem von padeluun und Rena Tangens 1987 gegründeten Vorgänger FoeBuD hervorging. Schnell hatte padeluun die Idee, Bücher herauszubringen. „Das haben wir durchkalkuliert, aber es war einfach nicht zu finanzieren“, erinnert er sich. Nachdem aber die erste kleine Ausgabe, die in einer Berliner Buchhandlung auslag, bei den Kund:innen auf großes Interesse stieß, kam die Idee, die Reihe auszubauen.
Sowohl padeluun als auch Tangens sind netzpolitisch und künstlerisch aktiv und betreiben die Galerie Art d’Ameublement in Bielefeld, unter deren Namen „kurz & mündig“ erscheint. „Die Galerie ist eigentlich die Keimzelle der Digitalcourage“, sagt padeluun. Denn nicht dem Produkt hätten sich beide verschrieben, sondern dem künstlerischen Prozess, der immer mal wieder die Schwerpunkte ändern kann. „So wollen wir es auch mit den Minibüchern halten“, sagt padeluun.
Mehr Menschen erreichen mit „kurz & mündig“
Erreichen will Digitalcourage Menschen „außerhalb unserer eigenen Blase, aus der Mitte der Gesellschaft und vor allem Jüngere“, sagt padeluun. Deshalb geht Digitalcourage mit der Reihe nach draußen, 2025 war der Verein mit „kurz & mündig“ erstmals auf der Frankfurter Buchmesse, 2026 sollen weitere Messen folgen. Zudem will der Verein einen eigenen Vertrieb für die Reihe auf die Beine stellen und versuchen, die Minibücher in den Bahnhofsbuchhandel zu bekommen. Einige ausgewählte Buchhandlungen und das Computermuseum Paderborn verkaufen die Bändchen bereits, je Ausgabe zu fünf Euro.
Hier geht es zum Online-Shop: https://shop.digitalcourage.de/themen/kurzmuendig/
Dass Datenschutz generell in die Mitte der Gesellschaft gehört, – davon ist padeluun überzeugt.
„Wenn wir nicht darauf achten, wird unsere Gesellschaft großen Schaden nehmen“, sagt er.
Welche Auswirkungen der Missbrauch von Daten in Kombination mit der eigenen Datenpreisgabe haben kann, zeigt für padeluun die Deportationen in den USA durch die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE. Diese hätten gezielt in sozialen Medien nach Menschen gesucht, die ohne gültige Aufenthaltserlaubnis in den USA lebten.
Aber auch die digitalen US-Sanktionen gegen Richter am Internationalen Strafgerichtshof, nachdem das Gericht einen Haftbefehl gegen Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu erlassen hatte, zeige die Macht der US-Datenkonzerne. So berichtete der französische Richter Nicolas Guillou davon, dass sämtliche seiner Konten bei US-Unternehmen wie Amazon oder PayPal geschlossen wurden und er auf einer Art „schwarzen Liste eines Großteils des weltweiten Bankensystems“ gelandet sei.
„Manipulative US-Dienste verlassen“
Daraus ergebe sich ein „gutes Momenum, die manipulativen US-Dienste zu verlassen“, sagt padeluun und verweist auf die Aktion „Digitaler Independence Day“ (DI-Day), der jeden ersten Sonntag im Monat dazu aufruft, „auf die gute Seite zu wechseln“. Neben vielen Vertreterinnen und Vertreter aus Gesellschaft, Kultur und Politik unterstützt auch Digitalcourage den DI-Day (siehe Info-Kasten am Ende des Beitrags).
Insbesondere wirbt padeluun für das freie Fediverse auf Mastodon, auf dem Digitalcourage seit fünf Jahren die Instanzen Digitalcourace.social und Bewegung.social unterhält. „Das Fediverse lässt sich ganz ohne Manipulation und Algorithmus steuern“, sagt padeluun. Und auch die eigene Website von Digitalcourage komme ohne Cookies und Tracker aus.
Und dennoch braucht es manchmal etwas mehr Nachdruck, um die Menschen zu ihren Rechten zu verhelfen. In „Recht auf Leben ohne Digitalzwang“ gibt es sozusagen die Petition zum Minibuch. Bis zum 23. Mai 2026, dem Tag an dem Digitalcourage die Petition dem Bundestag übergeben will, benötigt die Initiative 75.000 Unterschriften. Bis Mitte Februar waren knapp 54.000 eingegangen.

DER DIGITAL INDEPENDENCE
DAY (Di.DAY)
Jeden ersten Sonntag im Monat ruft der Digital Independence Day (Di.Day) zum Wechseln auf: Und zwar von den US-Konzernen Amazon, Microsoft, PayPal und Co. zu europäischen Alternativen. Dabei sind die „Wechselrezepte“, die die Website https://di.day/ anbiete, mitunter gar nicht zu schwierig: Von Big-Tech-Karten zu Open Street Map, von Microsoft zu Libre Office, von Chrome zu Firefox und von Amazon zum Buchhandel heißt es dort. Unterstützt wird die Initative und die Webseite von vom Bündnis Save Social – Networks For Democracy. Neben vielen Organisationen, darunter Journalistenverbände, die Hochschule Bremen, Digitalcourage und der Cloud-Dienst nextcloud – gehören dem Netzwerk unter anderem der frühere Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Prof. Ulrich Kelber, der Moderator Ralph Caspers, die frühere Bundesministerin der Justiz, Prof. Dr. jur. Herta Däubler-Gmelin (SPD) sowie Vertreter:innen mehrerer Hochschulen an.
1 Interview der Zeitung „Le Monde“ online mit Nicolas Guillou, erschienen am 19.11.2025: https://www.lemonde.fr/en/international/article/2025/11/19/nicolas-guillou-french-icc-judge-sanctioned-by-the-us-you-are-effectively-blacklisted-by-much-of-the-world-s-banking-system_6747628_4.html# (zuletzt abgerufen am 18.02.2026)