Atlas der KI

Kate Crawford
ATLAS DER KI
Die materielle Welt hinter den neuen Datenimperien
C.H. Beck
2. Auflage 2024
336 Seiten
32,00 Euro
ISBN 9978-3-406-82333-6
In Zeiten, in denen KI die Schlagzeilen prägt und futuristische Visionen Furore machen, melden sich auch kritische Stimmen zu Wort. Eine davon ist Kate Crawford – eine australische Wissenschaftlerin, die unter anderem zu den Auswirkungen von Medientechnologien auf die Gesellschaft forscht.
Mit ihrem „Atlas der KI“ setzt sie einen Gegenpol zum KI-Hype. Ihr Buch trägt teilweise Züge eines Reiseberichts und befasst sich insbesondere mit den Begleiterscheinungen und Kollateralschäden unserer digitalisierten Welt. Feinsinnig, intelligent und mit ausgeprägter wissenschaftlicher Dialektik nimmt Crawford eine tiefgründige Definition von KI vor, wobei sie einen Bezug zwischen KI, Rohstoffen, menschlicher Arbeitskraft, Infrastruktur, Logistik, Geschichte und Klassifikationen herstellt. Dabei bleibt Crawford nicht immer auf KI fokussiert, sondern macht häufig allgemeine Ausführungen zu den Auswirkungen der Digitalisierung, die sie nutzt, um Kritik zu üben.
Anschaulich arbeitet Crawford heraus, dass KI aktuell weder autonom noch rational in der Lage ist, irgendetwas wahrzunehmen, sondern nur durch ein ausgiebiges, durch Menschen initiiertes Training mit umfangreichen Datensätzen und vorgegebenen Regeln und Belohnungen das zu leisten vermag, was sie tun. In diesem Zusammenhang beschreibt Crawford anschaulich, wie KI gemacht wird und welche ökonomischen, politischen, kulturellen und geschichtlichen Kräfte sie prägen. Dabei resümiert sie, dass KI weniger ein Ausdruck ist, der in der computerwissenschaftlichen Gemeinschaft verwendet wird, als vielmehr ein Aufmerksamkeit heischendes Schlagwort.
Alles in allem ist das anspruchsvolle Buch empfehlenswert, wenn gleich es keine Pflichtlektüre für Datenschutzbeauftragte darstellt, die nach neuen Impulsen für die Arbeit mit KI suchen. Dies gilt umso mehr, als Crawford zahlreiche stark negativ geprägte Überlegungen zu KI anstellt und es mitunter verpasst, die positiven Seiten der KI in Zeiten des Fachkräftemangels herauszustellen. Während sie sich in Wirtschaftstheorien von Adam Smith und anderen verfängt und die betriebswirtschaftliche Organisationslehre von Henry Ford zitiert, bleibt der Blick auf die positiven Seiten für die Arbeitswelt und die Arbeit mitunter aus. Auffällig ist auch, dass Crawford KI mit Digitalisierung und Automatisierung gleichsetzt, was oft verwirrend anmutet.
Trotz dieser kritischen Punkte regt „Atlas der KI“ dazu an, die Technologie und ihre Auswirkungen differenzierter zu betrachten und mahnt zu einem verantwortungsvollen Umgang mit KI. Crawford gelingt es, die materielle Realität hinter abstrakter KI sichtbar zu machen und die globalen Auswirkungen dieser Technologie auf Umwelt, Arbeitswelt und Gesellschaft zu verdeutlichen.